Die neu gegründete Interessengemeinschaft Alliance Rouge will mithilfe von Mitgliedern aus Industrie, Medizin, Wissenschaft und Politik die flächendeckende Einführung des «Patient Blood Management» in der Schweiz vorantreiben. Mitte November hat Prof. Dr. med. Donat R. Spahn, Präsident der Alliance Rouge, an einer Pressekonferenz in Zürich die Ziele der Initiative erläutert. Dazu zählen eine höhere Behandlungsqualität, eine bessere Versorgungssicherheit bei Blutprodukten und tiefere Gesundheitskosten.

Laut der WHO gibt es schon bald zu wenig Blut für Bluttransfusionen. Bereits 2010 forderte sie ihre Mitgliedstaaten zum ersten Mal auf, «Patient Blood Management» umzusetzen. Die flächendeckende Einführung des auf drei Säulen basierenden Konzepts in der Schweiz hat sich die neu gegründete Interessengemeinschaft Alliance Rouge zum Ziel gesetzt.

Was ist Patient Blood Management (PBM)?
Das von der WHO geförderte Konzept umfasst ein interdisziplinäres Bündel an Massnahmen, mit denen sich die Menge an Fremdbluttransfusionen minimieren lässt. PBM basiert auf drei Säulen: Erfassung von Anämien, Minimierung des Blutverlusts und Förderung der Anämie-Toleranz.
Im Vorfeld einer geplanten Operation sollen eine vorbestehende Anämie und/oder Eisenmangel erfasst und behandelt werden. Gemäss Studien leiden 20-40% der zu operierenden Patienten an einer Anämie, wobei insbesondere Patienten mit Tumorleiden, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und Nieren- oder Herzinsuffizienz stark davon betroffen sind. Eine unbehandelte Anämie führt bei diesen Patienten zu einer höheren Anzahl Bluttransfusionen, vermehrten Komplikationen, längeren Spitalaufenthalten und einer erhöhten Mortalität.
Bei der zweiten Säule steht die Minimierung des Blutverlusts während der Operation im Fokus. Dazu zählen die Förderung von blutsparenden chirurgischen Methoden und der Einsatz von Cell Salvage. Dabei wird das austretende Blut während der Operation durch eine spezielle Saugvorrichtung aufgefangen, anschliessend gereinigt und dem Patienten zurücktransfundiert. Zusätzlich soll ein individualisiertes, zielgerichtetes Gerinnungsmanagement zum Einsatz kommen, bei dem die Blutgerinnung laufend monitorisiert wird, damit bei einer sich abzeichnenden Gerinnungsstörung schnell reagiert werden kann.
Zu den Massnahmen der dritten Säule des PBM zählt die Förderung der Anämie-Toleranz. Hier gilt es einerseits die Pumpleistung des Herzens zu fördern, um eine möglichst gute Oxygenierung zu erreichen. Andererseits soll eine Akzeptanz eines vorübergehend tieferen Hämoglobinwerts erreicht werden. Dieser spielt nämlich, so Prof. Spahn, gar keine so gewichtige Rolle. Zusätzlich kommt es bei Patienten, die eine präoperative Behandlung der Anämie (1. Säule) erhalten haben, generell zu weniger Blutverlust und der Hämoglobinwert fällt weniger tief ab.

Wissenschaftliche Evidenz und Kosteneinsparungspotenzial
Zu PBM wurden bis dato über 300 Studien durchgeführt. Es konnte belegt werden, dass beim Einsatz von PBM eine Reduktion der Bluttransfusionen um 30-40% möglich ist. Ebenfalls wurden eine tiefere Mortalitätsrate nach Operationen und eine Verkürzung der Spitalaufenthalte gezeigt. Auch auf die Kosten hat PBM einen positiven Einfluss. Am Universitätsspital Zürich (USZ), wo einige, aber nicht alle PBM-Massnahmen eingeführt wurden, konnte eine Studie direkte Einsparungen von 2 Millionen Franken zeigen, die durch einen restriktiveren Einsatz von Bluttransfusionen erreicht wurden. Diese Zahl beinhaltet, gemäss Prof. Spahn, nur die Gestehungskosten für Bluttransfusionen. Alle übrigen eingesparten Kosten wie beispielsweise durch kürzere Spitalaufenthalte oder weniger Komplikationen sind hier noch gar nicht eingerechnet.

Patient Blood Managerin als Bindeglied zwischen Hausarzt und Spital
Den Informationsfluss im Vorfeld von Operationen sieht Prof. Spahn als zentralen Punkt des PBM-Konzepts. Am USZ, wo er selber tätig ist, untersuchte er die Kommunikation zwischen der Chirurgie und Anästhesie. Er fand heraus, dass die Chirurgen zwar bereits 2-3 Wochen vor der Durchführung die Operationstermine kennen, Details zum Patienten aber erst am Vorabend des Eingriffs den Anästhesisten mitteilen. Dieser sollte aber, um eine allfällige Blutarmut oder einen Eisenmangel beim Patienten behandeln zu können, so früh wie möglich mit dem Patienten in Kontakt kommen. Eine IT-Lösung, welche die relevanten Informationen aus dem Anmeldeprozess abfängt, brachte eine deutliche Verbesserung. Der Anästhesist weiss nun früh genug, ob Patienten mit einem erwarteten Blutverlust von über 500 ml auf dem Programm stehen und kann entsprechend handeln. Eine neu eingestellte Patient Blood Managerin kümmert sich um die ca. 4000 relevanten Fälle pro Jahr und stellt sicher, dass die Patienten in die Anästhesiesprechstunde kommen, damit die Blutwerte besprochen und allenfalls nochmals gemessen werden können. Falls eine Behandlung notwendig ist, klärt die Patient Blood Managerin ab, ob diese beim Hausarzt erfolgen kann oder ob sie am Spital durchgeführt werden muss. Prof. Spahn betonte die Wichtigkeit dieser Zusammenarbeit. «Nur so kann PBM auf lange Sicht funktionieren, denn wenn der Hausarzt in diesen Prozess eingebunden wird, handelt er beim nächsten Patienten vielleicht proaktiv und schickt ihn ‹vorbereitet› in die Operation».

Wer nutzt PBM aktuell in der Schweiz?
In der Schweiz stösst PBM zwar auf grosses Interesse, wurde aber in den meisten Spitälern erst ansatzweise eingeführt. Dies hängt in erster Linie mit der Komplexität der Aufgaben zusammen, die mehrere Disziplinen betreffen. Das See-Spital Kilchberg mit seinen zwei Standorten in Horgen und Kilchberg ist Mitglied der Alliance Rouge und wendet PBM seit 2017 erfolgreich an. Ziel von Alliance Rouge ist es, durch den Einbezug von Vertretern aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens (Industrie, Ärzteschaft, Spitäler, Krankenversicherer etc.) eine bessere Grundlage für den flächendeckenden Ausbau von PBM in der ganzen Schweiz zu erreichen. (dh)

Quelle | Pressekonferenz «Lancierung Alliance Rouge», 15. November 2018, Zürich.

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