Die mediterrane Ernährung ist nicht nur geschmackvoll und bekömmlich, sondern vor allem auch gesund. Das belegen zahlreiche Studien. Die PraxisDepesche sprach mit Prof. Dr. med. Peter E. Ballmer, Direktor des Departements Medizin am Kantonsspital Winterthur, darüber, was die mediterrane Ernährung beinhaltet, vor welchen Krankheiten sie schützt und warum die Ernährungsmedizin als eigenes Fach ins Medizinstudium aufgenommen werden sollte.  

PraxisDepesche (PD): Prof. Ballmer, Sie setzen sich für eine kluge Ernährung zur Gesundheitsförderung und zur Prophylaxe von Erkrankungen ein. Was genau verstehen Sie unter einer klugen Ernährung?
Prof. Dr. med. Peter E. Ballmer (PB): Zuerst müssen wir zwischen einer therapeutischen Ernährung zur Behebung eines Mangels und einer präventiven mediterranen Ernährung zur Gesunderhaltung differenzieren. Letztere ist eine kluge Ernährungsweise, weil sie nachweislich gesund, lustvoll und bekömmlich ist. Was viele nicht wissen: In der mediterranen Ernährung geht es nicht um italienische Küche, sondern um eine Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Salat, die auch reichlich Kohlenhydrate, wenig Fleisch und gelegentlich Fisch enthält. Die Hauptfettquellen sind pflanzliche Öle mit einfach ungesättigten Fettsäuren, wie zum Beispiel Olivenöl, vor allem aber Rapsöl als Vorstufe der Fischöle mit einem hohen Anteil an Alpha-Linolensäure. Gesättigte Fettsäuren, die in Fleisch, Kokos- und Palmfett enthalten sind, sollten weniger konsumiert werden. Ein Glas Wein pro Tag ist durchaus erlaubt.

PD: Warum setzen Sie sich mit den gesundheitlichen Folgen der Ernährung auseinander?
PB: Einerseits ist eine ausgewogene Ernährung wichtig für die Gesunderhaltung des Menschen. Andererseits gehört eine Ernährungsevaluation und -therapie zur optimalen Betreuung eines Krankenhauspatienten. Die Mangelernährung von Spitalpatienten ist ein wichtiges Thema. In der Schweiz leiden rund 20 bis 30 % der hospitalisierten Patienten an einer Mangelernährung unabhängig davon, auf welcher Station sie untergebracht sind. Diese Patienten weisen eine schlechte Therapieintoleranz und hohe Morbidität und Mortalität auf.

PD: Was können Spitäler gegen eine Mangelernährung ihrer Patienten unternehmen?
PB: Bei einer Mangelernährungstherapie muss man als erste Massnahme das Essen besonders mit Eiweiss, Rahm und anderen Fetten anreichern. Der Gesundheitseffekt steht dabei nicht im Vordergrund. Es geht vor allem darum, den Patienten mit Eiweiss und Kalorien zu versorgen und ihm damit wieder die nötige Energie zuzuführen. Meines Erachtens sollte ein Spital künftig nicht mehr zertifiziert werden, wenn es über kein Mangelernährungskonzept verfügt, welches von einem Controlling überwacht wird. In Dänemark wird ein Spital ohne Mangelernährungskonzept nicht mehr anerkannt. In der Schweiz sind wir noch weit davon entfernt. Dabei beweisen Zahlen, dass ein solches Vorgehen nicht nur einen medizinischen, sondern auch einen ökonomischen Nutzen hat. Diesen Nutzen könnte man wiederum in die Arbeit von Ernährungsberaterinnen- und -therapeuten investieren.

PD: Welchen Stellenwert hat die Ernährungsmedizin in der Schweiz?
PB: Die Ernährungsmedizin ist in der Schweiz noch unterbewertet – dabei sollte sie auch im Medizinstudium und bei der Ausbildung von Pflegenden als eigenes Fach anerkannt und angeboten werden. In Deutschland hat der Bundestag die Ernährungsmedizin vor kurzem als eigenes Fach anerkannt. Als Präsident der Gesellschaft für Klinische Ernährung der Schweiz (GESKES) setze ich mich dafür ein, die Ernährungsmedizin in den nächsten zwei drei Jahren zu etablieren, weil sie derart substanziell für das Gesundheitswesen ist.

PD: Was sind die Vorteile der mediterranen Ernährungsweise?
PB:Das kardiovaskuläre Risiko wird deutlich reduziert. Eine Studie von Michel del Lorgeril aus dem Jahr 1994 erschienen im Lancet belegt, wie gesund die mediterrane Ernährungsweise ist. In die Studie wurden 600 Erstinfarkt-Patienten eingeschlossen. Die Hälfte bekam die übliche medizinische Behandlung und ernährte sich zusätzlich ausschliesslich mediterran. Die Studienergebnisse belegen, dass eine Alphalinolensäure-reiche mediterrane Ernährung nach einem Primärinfarkt äusserst wirksam ist. In der mediterran ernährten Studiengruppe sank das Risiko, einen Zweitinfarkt zu erleiden, sowie auch die Mortalitätsrate um über 50 %. Darüber hinaus ist die mediterrane Ernährung genussvoll, nicht restriktiv und in etwa so präventiv wirksam wie das Medikament Aspirin. Genussreiches Essen mit präventiver Wirkung ist die optimale Kombination in westeuropäischen Ländern.

PD: Sie haben als erster in der Schweiz die mediterrane Ernährung als prophylaktische Massnahme bei Herzkranken am Kantonsspital Winterthur eingeführt. Wie hat Ihr Arbeitsumfeld darauf reagiert?
PB: Sehr gut. Wir haben aber im Vorfeld sehr dafür gekämpft, dass die Ernährungsberatungen nicht nur bei uns im Spital angeboten, sondern auch tatsächlich durchgeführt werden. Denn eine Ernährungsberatung durch eine anerkannte diplomierte Ernährungsberaterin ist unabdingbar, um den Patienten richtig zu schulen. Darüber hinaus bieten wir in der Kantine auch für Mitarbeitende und Gäste ein extra mediterranes Menu an.

PD: Welchen Krankheiten kann man mit einer mediterranen Ernährung vorbeugen?
PB: Das sind vor allem Herzkreislauferkrankungen, insbesondere die koronare Herzkrankheit (KHK), und der Schlaganfall (Stroke). Es gibt auch Hinweise, dass sich die mediterrane Ernährung optimal auf die Krebsvorsorge auswirkt. Bei einer konsequenten Einhaltung dieser Ernährungsweise rechnen wir mit einer Reduktion der Sterblichkeit von rund 25 % bei Krebs.  

PD: Welche Nahrungsergänzungsmittel können sinnvoll sein?
PB: In der Erwachsenenmedizin gibt es für Nahrungsergänzungsmittel bei einem Defizit der jeweiligen Mineral-, Vitalstoffe und Spurenelemente die Indikation für eine Supplementierung. Wenn ein Patient beispielsweise unter einem Kalzium- oder Magnesiummangel leidet, dann sollte dieser die Mineralstoffe gezielt substituieren. Eine ausgewogene Ernährung kann Defizite zusätzlich ausgleichen. Anders verhält es sich mit Vitamin D. Die körpernahe Muskulatur der Beine leidet, wenn ein Mangel an Vitamin D vorhanden ist – das ist ein Risikofaktor für Stürze und Oberschenkelhalsbrüche. Generell sollten alle Personen ab 60 Jahren zwischen 800 und 1000 Einheiten Vitamin D für die Knochen- und die Muskelgesundheit einnehmen. Monatsdosen von 25 000 Einheiten sind ebenso erhältlich.

PD: Welche Auswirkung hat eine Mangelernährung für tumorkranke Patienten?
PB: Bei mangelernährten Krebspatienten nimmt die Morbidität und die Mortalität ebenso zu und die Therapietoleranz ab. Darüber hinaus ist erwiesen, dass mangelernährte Krebspatienten eine Chemotherapie weniger tolerieren. Das führt wiederum zu einem verlängerten Spitalaufenthalt und zu höheren Kosten. Wenn ein Patient zum Beispiel 5 kg Gewicht verloren hat, sollte man ihn wieder aufbauen und nicht im Mangelzustand operieren, damit dieser keine Infektionen und andere Komplikationen erleidet und schlimmenstenfalls daran stirbt.

PD: Welche weiteren Faktoren erachten Sie als wichtig für die Gesundheit und das Wohlbefinden?
PB: Neben der Ernährung ist die regelmässige, körperliche Aktivität die Basis für ein gesundes Leben. Das muss kein Hochleistungssport sein. Wer mindestens dreimal die Woche 30 Minuten moderat läuft, Velo fährt oder schwimmt, kann einen Grossteil der Krankheiten verhindern oder bis ins hohe Alter verschieben. Natürlich ist für eine gesunde Lebensweise der Rauchverzicht unerlässlich. Eine gute Kombination von Genuss und Vernunft genügt für ein wirkvolles Lifestyle-Management.

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