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Viren haben einen schlechten Ruf. Sie verursachen ansteckende Krankheiten und können durchaus tödlich sein. In den letzten Jahren ist jedoch das therapeutische Potential dieser infektiösen Partikel weiter in den Fokus gerückt. Aktuelle Daten zeigen, wie Viren erfolgreich in der Tumor-Behandlung eingesetzt werden können.

Viren können gesunde Zellen infizieren und Krankheiten auslösen. Gleichzeitig wird dadurch jedoch das Immunsystem aktiviert, welches gegen die Infektion vorgeht. Auch in der Bekämpfung von Krebs spielt das Immunsystem eine wichtige Rolle. Allerdings sind Tumorzellen häufig in der Lage, dem Immunsystem zu entkommen oder dessen Funktion zu unterdrücken, was ihr Überleben sichert. Durch den gezielten Einsatz von spezifisch modifizierten Viren soll es künftig möglich sein, das Immunsystem wieder zu aktivieren und die Tumorzellen zu eliminieren. Auch Ansätze zur direkten Eliminierung von Krebszellen durch Viren werden aktuell in klinischen Studien untersucht.

Direkte und indirekte Eliminierung von Tumorzellen
Die Einsatzmöglichkeiten von Viren im onkologischen Bereich sind vielseitig. So können sie beispielsweise Tumorzellen dazu bringen, neue virale Antigene zu exprimieren oder die Produktion von bestehenden Tumorantigenen zu verstärken. Diese Antigene machen die Tumorzellen für das Immunsystem erkennbar und damit angreifbar. Man bezeichnet diesen Prozess als Xenogenisierung, bildlich gesprochen «den Tumor fremder machen». Dieser Effekt kann verwendet werden, um effektivere Impfungen gegen Krebs zu entwickeln. Ein weiterer Ansatz zum therapeutischen Einsatz sind so genannte onkolytische Viren. Diese können die Tumorzellen infizieren und anschliessend zerstören. Durch die Reaktion des Körpers auf die sterbenden bzw. toten Zellen kann wiederum eine Immunreaktion ausgelöst werden, die auf verbleibende Tumorzellen abzielt. Eine weitere Möglichkeit ist die gezielte Aktivierung von Tumorsuppressor-Genen in den Krebszellen, wodurch beispielsweise zellinterne Kontroll- und Regulationsmechanismen wiederhergestellt werden können.

Erste zugelassene onkolytische Viren
Die ersten onkolytischen Viren wurden in den Jahren 2003 und 2005 in China zugelassen. Beide basieren auf genetisch veränderten Adenoviren, welche über verschiedene Mechanismen die Funktion des Tumorsuppressor-Proteins p53 wiederherstellen. Dies hat eine Reihe von Anti-Tumor-Effekten zur Folge: Aktivierung von Apoptose, Blockade von zellinternen Überlebenssignalen, Aktivierung des Immunsystems, Erhöhung der Sensitivität gegenüber Chemotherapie sowie Inhibierung von Angiogenese und Metastasierung. Die Viren werden bei verschiedenen Krebsarten im Kopf- und Halsbereich eingesetzt, sind jedoch bislang in anderen Ländern nicht zugelassen. Im Jahr 2006 erhielt das erste onkolytische Virus in der Schweiz die Zulassung.

Die Entwicklung geht weiter
Das therapeutische Potential onkolytischer Viren ist damit jedoch noch längst nicht ausgeschöpft. In einer Phase-II-Studie konnte mit einem immunstimulierenden Vacciniavirus eine dosisabhängige Verlängerung des Überlebens bei fortgeschrittenem hepatozellulären Karzinom beobachtet werden. Auch bei kastrationsresistentem Prostatakarzinom wurden mit einem modifizierten Vacciniavirus in mehreren Phase-II-Studien vielversprechende Resultate erzielt. Die Kombination von Chemotherapeutika mit einem wildtypischen Reovirus, das spezifisch Krebszellen befällt und diese eliminiert sowie gleichzeitig zu einer Aktivierung des Immunsystems führt, zeigte in verschiedenen Phase-II-Studie bei metastasiertem Brustkrebs, nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom und fortgeschrittenem Pankreaskarzinom ebenfalls positive Ergebnisse. Alle genannten Therapien werden aktuell auch in Phase-III-Studien untersucht. Ob diese jedoch letztlich zur Zulassung führen, bleibt abzuwarten.

von Dr. rer. nat. Christin Döring und Sonia Fröhlich de Moura, IACULIS GmbH

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