David Husi im Gespräch mit...Prof. Dr. med. Gerhard Wiesbeck 

Seit dem 1. Juli 2018 gibt es im Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel eine neue Abteilung. Es ist die erste im deutschsprachigen Raum, die sich auf die stationäre Behandlung von Menschen mit sog. «Verhaltenssüchten» spezialisiert hat. Wir haben mit Prof. Dr. med. Gerhard Wiesbeck, dem ärztlichen Leiter des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen, über den Entstehungsprozess und das Behandlungsangebot der neu gegründeten Abteilung gesprochen.

PraxisDepesche (PD): Prof. Wiesbeck, wie ist die stationäre Abteilung für Verhaltenssüchte entstanden?
Prof. Dr. med. Gerhard Wiesbeck (GW): Unsere neu eröffnete stationäre Abteilung für Verhaltenssüchte (VSS), die am 1. Juli 2018 ihre Arbeit aufgenommen hat, ist gewissermassen die «jüngere Schwester» unserer Spezialambulanz (VSA). In Basel behandeln wir nämlich bereits seit 2010 Menschen, die unter einer Spielsucht, einer Kaufsucht, einer Online-Abhängigkeit oder unter einem exzessivem Sexualverhalten leiden. Bisher war dies allerdings nur ambulant möglich. Seit dem 1. Juli dieses Jahres können wir endlich beides anbieten: eine «massgeschneiderte» Behandlung für Menschen mit Verhaltenssüchten – ambulant und stationär.

PD: Welche Widerstände mussten Sie bei der Gründung der stationären Abteilung überwinden?
GW: Diesmal gab es keine Widerstände. Das war jedoch 2010, in den Jahren nach der Gründung unserer Ambulanz, anders! Damals bekam unser Engagement für die Verhaltenssüchte rauen Gegenwind, das Projekt drohte zu scheitern. Nachdem sich die Ambulanz mittlerweile immer mehr zum «Erfolgsmodell» entwickelt hatte, startete die stationäre Abteilung VSS am 1. Juli 2018 bei Sonnenschein und mit starkem Rückenwind. Die grössten Hürden waren diesmal organisatorischer Natur: Innerhalb weniger Monate musste ein stationäres Therapiekonzept ausgearbeitet und ein multiprofessionelles Behandlungsteam zusammengestellt werden. Beides ist gelungen.

PD: Wie sind Sie mit der neuen Abteilung gestartet?
GW: Mit einem Arbeitsfrühstück des gesamten Teams, bei dem erstmals alle gemeinsam an einem Tisch sassen. Kurz darauf kamen die ersten Patienten.

PD: An welche Patienten richtet sich das neue Angebot?
GW: Unser neues Angebot richtet sich an Erwachsene aus der ganzen Schweiz, die unter einer Verhaltenssucht leiden. Vorwiegend an Menschen, deren Leben von Glücksspielen oder Pornografie, von nicht mehr kontrollierbarem Internetkonsum oder exzessivem Kaufen in selbstzerstörerischer Weise bestimmt wird.

PD: Welche Behandlung bieten Sie an?
GW: Am Anfang steht immer ein Kennenlern- und Informationsgespräch. Unsere Patienten sollen wissen, wer und was sie erwartet. Es folgen die diagnostische Abklärung und die entsprechende intensive störungsspezifische Behandlung, welche die Therapie der dazugehörigen Begleiterkrankungen (Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, Begleitkonsum von Alkohol, Cannabis u. a.) mit einschliesst. Unsere Behandlung basiert vorwiegend auf verhaltenstherapeutischen und suchtspezifischen Methoden. Sie umfasst die diagnostischen Abklärungen, Einzel- und Paartherapien, psychotherapeutisch geleitete Gruppen sowie gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung. Ergänzt wird dieses Programm durch Ergo-, Physio- und Bewegungstherapie sowie durch eine engagierte Sozialarbeit, die bei der Schuldensanierung, der Wohnungs- und Arbeitsplatzsuche, aber auch bei Gesetzesproblemen professionelle Unterstützung anbietet.

PD: Unter welchen Umständen ist eine stationäre Behandlung sinnvoller als eine ambulante Therapie?
GW: Bei der Mehrzahl unserer Patienten reicht eine ambulante Therapie aus. Manchmal ist die Erkrankung jedoch so schwer, dass ein Erfolg in der gewohnten familiären, sozialen und beruflichen Umgebung nicht gelingt. Dann kann eine intensivere ärztlich-psychotherapeutische Behandlung unter stationären Bedingungen notwendig werden. Dies gilt insbesondere, wenn die Verhaltenssucht durch eine zusätzliche psychische Erkrankung erschwert wird.

PD: Entscheidet der Patient selber, ob er ambulant oder stationär behandelt wird?
GW: Letztendlich ist es eine gemeinsame Entscheidung von Patient und Arzt. Wenn die medizinischen Voraussetzungen für eine stationäre Behandlung gegeben sind, erfolgt die Entscheidungsfindung partizipativ nach dem Modell des «shared decision-making».

PD: Wie lange dauert der stationäre Aufenthalt?
GW: Unser Behandlungskonzept basiert auf einer Mindestaufenthaltsdauer von sechs Wochen. Sollte dieser Zeitraum nicht ausreichen, ist eine Verlängerung möglich.

PD: Mit welchen aktuellen und zukünftigen Projekten beschäftigen Sie sich momentan?
GW: Als Universitätsklinik haben wir nicht nur einen medizinischen Behandlungsauftrag zu erfüllen, sondern darüber hinaus auch die Verpflichtung zu Forschung und Lehre. Mit unserem Spezialangebot für Verhaltenssüchte betreten wir Neuland. Diese «terra incognita» gilt es nun auch wissenschaftlich zu erforschen und über die studentische Lehre den zukünftigen Ärztinnen und Ärzten nahezubringen.

Für Interessierte
Do, 9. Mai 2019 (13.00 – 17.00 Uhr)
13. Basler Frühjahrstagung
Thema | Verhaltenssüchte 
(mit Besichtigung der neuen stationären Abteilung für Verhaltenssüchte, VSS)


Kontakt
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Abteilung für Verhaltenssüchte stationär (VSS)
Wilhelm-Klein-Strasse 27
CH-4002 Basel
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