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Eine zentrale Herausforderung im Bereich der Depressions-Behandlung ist es, für jeden Patienten die individuell bestmögliche Therapie zu finden. In seinem Referat während des fünften «Meet & Greet by IACULIS mit Persönlichkeiten aus Medizin und Wissenschaft» zeigte Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Florian Holsboer, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, dass Ansätze der personalisierten Medizin in der Psychiatrie bereits erfolgreich angewandt werden und auch zukünftig die Therapie prägen werden.

Da die krankheitsverursachenden Mechanismen zwischen Patienten stark variieren, wirken die verfügbaren Antidepressiva nicht bei allen gleich, haben oft eine zu lange Wirklatenz und zu viele Nebenwirkungen. Ein innovatives Antidepressivum sollte daher im Vergleich zu den gängigen Medikamenten vier wichtige Kriterien erfüllen: Schnellerer Wirkungseintritt, höhere Ansprechraten, höhere Remissionsraten und weniger Nebenwirkungen. Um dies zu erreichen, muss die Substanz spezifisch in die Vorgänge eingreifen, welche die Depression verursachen. Ein erklärtes Ziel ist es daher, massgeschneiderte Therapien zu entwickeln, welche die individuellen Krankheitsmechanismen berücksichtigen.

Personalisierte Medizin in der Praxis – ABCB1-Test
Personalisierte Ansätze werden in der Psychiatrie zur Unterstützung von Therapieentscheiden bereits erfolgreich angewandt. Ein Beispiel hierfür ist der ABCB1-Gentest. Die Blut-Hirn-Schranke hat für das Gehirn zwar eine wichtige Schutzfunktion, bildet jedoch für Antidepressiva eine grosse Hürde. Spezialisierte Transporter, die sogenannten P-Glykoproteine, kontrollieren den Durchgang über die Blut-Hirn-Schranke. Bindet eine körperfremde Substanz an ein P-Glykoprotein, wird der Übergang ins Gehirn verhindert. Im Zusammenhang mit einer Antidepressiva-Therapie bedeutet dies, dass möglicherweise das Medikament gar nicht oder nur in geringen Mengen an seinem Wirkungsort im Gehirn ankommt.

Die P-Glykoproteine werden vom Gen ABCB1 kodiert, von dem beim Menschen zahlreiche Genvarianten bekannt sind, welche Auswirkungen auf die Funktion des Transporters und die Interaktionen mit verschiedenen Substanzen haben. Die Bestimmung des ABCB1-Genotypes erlaubt nun das Erstellen individueller Behandlungsempfehlungen zum Einsatz von passenden Antidepressiva. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit eines schnellen Wirkungseintritts und erfolglose Behandlungen, die meist mit Nebenwirkungen verbunden sind, können umgangen werden. Gemäss den schweizerischen Behandlungsempfehlungen sollte der ABCB1-Tests durchgeführt werden, wenn nach zwei bis vier Wochen unter einer Antidepressiva-Therapie noch kein Ansprechen erreicht wurde.

Individuelle Therapie dank Gentest – Beispiel CRH-Test
Ein weiteres Beispiel der personalisierten Medizin in der Psychiatrie ist der CRH-Test. In Stress-Situationen wird die Ausschüttung von Stresshormonen ausgelöst, um auf der Verhaltensebene alles für den Umgang mit der Bedrohung vorzubereiten. Dazu zählen Angstreaktionen, Schlafstörungen, Anstieg von Puls und Blutdruck, Appetitverlust, kognitive Beeinträchtigungen und Verlust von sexuellem Interesse – alles «Symptome», die auch während einer Depression beobachtet werden können. Bei Menschen mit einer Disposition zur Depression kann anhaltender Stress beziehungsweise eine fehlende Normalisierung nach Beseitigung der «Bedrohung» eine depressive Episode auslösen. Dabei spielt das Hormon CRH (corticotropin-releasing hormon), welches im Gehirn die Ausschüttung der Stresshormone steuert, eine zentrale Rolle. In der Vergangenheit wurden daher verschiedene CRHR1-Rezeptor Blocker (CRHR1-Antagonist) zur Behandlung von Depressionen entwickelt, die in Studien jedoch nicht die erwartete Wirksamkeit zeigten. Es ist hierbei davon auszugehen, dass in den Studien nicht alle Patienten eine CRH-induzierte Depression hatten und die Wirkung der CRHR1-Antagonisten im Kontext der ganzen Studienpopulation verdeckt wurde. Um Patienten zu erkennen, welche auf einen CRHR1-Antagonisten ansprechen könnten, haben Prof. Holsboer und sein Team Blutproben untersucht und einen CRH-Gentest entwickelt, der auf Unterschieden zwischen Respondern und Non-Respondern beruht. Anhand von 19 Genvarianten ist nun die Identifikation von Patienten möglich, welche auf einen CRHR1-Antagonisten ansprechen. Diese Patienten profitierten von der CRHR1-Blocker-Therapie mehr als von einer Standardtherapie und es wurden eine schnellere und bessere Wirksamkeit bei weniger Nebenwirkungen und höheren Remissionsraten beobachtet. 

Individualität anstatt «one size fits all»
Eine grosse Herausforderung bei der Behandlung der Depression ist die hohe Variabilität der Krankheitsmechanismen. Daher bringt die heutige Antidepressiva-Strategie «one size fits all» häufig nicht die gewünschte Wirkung. Dank Gentests, wie beispielsweise dem ABCB1-Test, können individuelle Therapieentscheide getroffen werden, um die Wirksamkeit einer Substanz optimal auszunützen. Die personalisierte Medizin gewinnt somit im Bereich der psychopharmakologischen Therapie zunehmend an Bedeutung und wird auch zukünftig zu Verbesserungen bei der Behandlung von Depression beitragen.

von Dr. phil. Catherine Haberthür-Müller und Sonia Fröhlich de Moura, IACULIS GmbH

Der komplette Vortrag von Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Florian Holsboer ist auf www.iaculis.ch/aktuelles als Video verfügbar.

 

 

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