PraxisDepesche (PD): Herr Braun, lange ging man davon aus, dass sich eine ADHS nach der Pubertät auswächst. Dem ist aber nicht so. Wie zeigt sich eine ADHS bei Erwachsenen?

Andreas Braun (AB): Die Symptome, die im Kindesalter da waren, verändern sich mit den Jahren. Häufig ist es so, dass die motorische Hyperaktivität zurückgeht und/oder sich in Richtung innerer Unruhe und Rastlosigkeit verändert.

PD: Kommt ein erwachsener Patient aus eigenem Impuls zu Ihnen ins ADHS-Coaching, oder ist es wie bei den Kindern das soziale Umfeld, das eine ADHS vermutet?

AB: Es wächst tatsächlich immer mehr im Bewusstsein vieler Menschen, dass es eine ADHS bei Erwachsenen gibt. Betroffene kommen zu mir, die darüber gelesen und sich bezüglich der Symptomatik wiedererkannt haben. Auf der anderen Seite kommt es aber auch vor, dass sich im Rahmen einer suboptimal verlaufenden psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung, etwa bei einer Depression oder einer Suchtproblematik, eine maskierte ADHS als zugrundeliegende Erkrankung herauskristallisiert.

PD: Wie kann denn eine ADHS maskiert sein?

AB: Ein erwachsener ADHS-Patient hat im Laufe seines Lebens schon viele Erfahrungen gemacht mit Bewertungen und Kritik. Die meisten spüren, dass mit ihnen «etwas nicht stimmt». Aber sie gewöhnen sich auch an den Zustand. Genau das ist ja das Problem bei ADHS: Man kann diese Veranlagung nicht in Beziehung zu sich selbst setzen und versteht häufig einfach nicht, was das Umfeld von einem will. Man passt sich dann an und versucht herauszufinden, was die anderen von einem wollen, damit man keine Fehler macht und nicht aneckt. Manchen gelingt es, beruflich erfolgreich zu sein, in einem Bereich, wo die Symptome der ADHS nicht auffallen, weil sie für den Erfolg nicht massgebend sind. Hier ist der jeweilige Kontext entscheidend: Bestehen gute Entfaltungsmöglichkeiten für die Begabungen und ein wertschätzendes Umfeld, können ausserordentliche Leistungen erzielt werden. Häufig können aber gerade von ADHS betroffene Menschen ihr Leben nicht den eigenen Bedürfnissen und Anlagen entsprechend gestalten. Sie landen bei Tätigkeiten, die ihnen nicht liegen, und suchen sich Partner aus, die nicht zu ihnen passen. Sie glauben, dass sie bestimmte Dinge tun müssen, obwohl sie dafür gar nicht geschaffen sind. Beziehungsabbrüche, Scheidungen und häufige Arbeitsplatzwechsel können die Folge sein, was wiederum etwa Depressionen und Suchtprobleme begünstigt.

PD: ADHS wird von den Medien gerne verschrien, Sie aber setzen sich auch als Vizepräsident von «ADHS 20 plus» dafür ein, dass die ADHS-typischen Eigenschaften konstruktiv und positiv ins eigene Leben integriert werden. Wie kann man sich das vorstellen?

AB: Wenn man eine ADHS hat, kann man nicht anders sein, als man ist – man hat keine Wahl, denn es ist ein Verhaltensmerkmal. Ob es als Krankheit zu sehen ist oder nicht, ist eine andere Frage. Für die Diagnosestellung einer ADHS muss auf jeden Fall ein Leidensdruck bestehen. ADHS-Patienten sind oft intelligent und kreativ. Routine liegt ihnen nicht, sie sind sehr spontan, brauchen Abwechslung, wollen selbstbestimmt arbeiten und sind gut in Wettbewerbssituationen. Wichtig ist es, als ADHS-Betroffener die eigenen Stärken zu kennen, aber auch Verantwortung für die eigenen Schwierigkeiten zu übernehmen und dafür Lösungen zu finden. Ich kannte einen Patienten, der selber Notarzt und Hausarzt war. In der Praxis herrschte ein grosses Chaos, die Mitarbeitenden kündigten deshalb oft die Stelle. Als Notarzt aber war er genial, denn seine Fähigkeit war es, instinktiv das richtige zu tun.

Interview: Séverine Bonini

Das ganze Interview finden Sie im Printmagazin PraxisDepesche 1-2017!


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