Heliotherapie für Kinder im Spital von Alton, England, im Jahr 1937. Bildquelle: Wellcome Library, London.

Vom Auf und Ab eines Kults: Ein brauner Teint galt lange Zeit als verpönt, ja pöbelhaft. Erst mit der Entdeckung der gesundheitlichen Wirkung des Sonnenlichts im 18. Jahrhundert kam das Sonnenbaden auf, und die Sonnenbräune wurde bald zu einem Statussymbol. Doch Bräune liess sich ohne Sonnenbrand kaum erreichen – bis die ersten Sonnenschutzmittel aufkamen.

«Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib, das ist unser einziger Zeitvertreib. Doch manchmal paddeln wir auch im Teich, das kräftigt den Körper und wäscht ihn sogleich.» Dieser Reim stammt aus der Feder des deutschen Lyrikers Erich Mühsam. Er verfasste ihn 1905 auf dem Monte Verità bei Ascona in der Parodie «Gesang der Vegetarier». Der Monte Verità galt zu jener Zeit als hipper Treffpunkt vieler Lebensreformer, Künstler und Aussteiger, die der Hektik der Industrialisierung entflohen und nach neuen, freiheitlichen und auch gesünderen Lebensformen suchten. Teil davon war auch das Sonnenbaden.

Sonnenbaden wird gesund
Zuvor galt während Jahrhunderten Blässe als vornehm, zeugte sie doch von einem Lebenswandel, der keiner schweren Arbeit im Freien bedurfte. Wandelte die fürnehme Dame doch hin und wieder im Freien, schützte sie sich mit Handschuhen, Hut, Schleier und Schirm vor dunklem Teint und Sonnensprossen. War die Haut nicht hell genug, so wurde mit Masken aus Arsen und Blei nachgeholfen.

Schwimmen und Sonnenbaden in der Nähe von Moskau, Jahr 1796: Stich nach einem Gemälde von Guérard de la Barthe. Bildquelle: Wellcome Images, London

Die Ursprünge der Sonnenbewegung finden sich in England und im Deutschland des 18. Jahrhunderts, als Thalassotherapien, also Badekuren mit Meerwasser, aufkamen. Doch schon bald propagierten die Kur-Ärzte nicht nur das Baden im Wasser, sondern auch das Luft- und Lichtbad. Erstmals sprachen Ärzte dem Sonnenbaden eine heilsame Wirkung zu. 1795 beschrieb der deutsche Physikprofessor Georg Christoph Lichtenberg die wohltuende Wirkung von Luft und Licht auf den menschlichen Kreislauf. Seither gewann das «Sünnele» zunehmend an medizinischer und gesellschaftlicher Bedeutung.

Ein Schweizer eröffnet das erste Lichtbad
Der Schweizer Arnold Rikli genas an der Sonne von Bled (Slowenien) von einer Rippenfellentzündung. 1854 eröffnete er die erste reine Luftbadeanstalt. Seine Gäste kurten nackt, Frauen und Männer selbstverständlich getrennt, und Rikli bemerkte bei ihnen eine zunehmend heitere Stimmung und ein höheres Selbstbewusstsein. Die Heliotherapie unter ärztlicher Aufsicht wurde auch bei Rheuma, Gicht und Asthma verschrieben. Sie half bei Tuberkulose, Schnupfen, Syphilis und Nervenschwäche. 1900 galt die Heliotherapie als wissenschaftlich überprüftes und anerkanntes Heilverfahren, das vermehrt auch in der breiten Bevölkerung Zuspruch fand.

Werbung für einen Schal im Jahr 1910. Ins Auge sticht vor allem der Hut mit Sonnenschutz. Anzeige in der Zeitschrift La Mode Illustrée.

Von züchtig bekleidet bis nackt
Auch Konventionen oder gar Gesetze konnten der Begeisterung nichts anhaben. Nicht einmal als die Trennung der Geschlechter in den um 1900 aufkommenden Familienbädern wegfel, und die Frauen aus moralischen Gründen nur noch ihre Hände und Füsse entblössen durften. Die Männer badeten noch bis in die 1930er Jahre mit Anzügen, die von der Kehle bis zum Knie reichten. Trotzdem gab es 1907 in der Schweiz bereits 33 Freiluftbäder (im Jahr 2012 waren es rund 500). Mit der zunehmenden Beliebtheit des Sonnenbadens verlor auch die vornehme Blässe an Bedeutung. Der Begründer der Freikörperkultur, Richard Ungewitter, proklamierte 1907 Bräune gar als neues Schönheitsideal. Wer über einen gebräunten Teint verfüge, strahle Gesundheit aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg war es vor allem die Jeunesse Dorée, die dem Bronzieren des Körpers weiteren Aufwind verlieh. An den Lidos von Venedig oder der Côte d’Azur sonnte sich die Jugend in Badeanzügen, die von Jahr zu Jahr freizügiger wurden. Allerdings konnten sich die Freizeit und damit die Bräune nur wenige leisten: Die Mehrheit der Menschen schuftete in Fabriken und Geschäften und bekam nur wenig Sonne zu Gesicht.

Die ersten Sonnenschutzmittel
Doch auch die Schönen und Reichen waren vor der negativen Folge des Sonnenbadens, dem Sonnenbrand, nicht gefeit. Schon seit 1820 war zwar bekannt, dass übermässig viel Sonnenstrahlung zu schmerzhaftem Sonnenbrand führte, doch wurde das in der sich ausbreitenden Sonnen-Euphorie schlicht verdrängt. Während die einen der Meinung waren, dass erst ein Sonnenbrand zu Bräune verhelfe, so versuchten andere, ihn mit den verschiedensten Mitteln zu verhindern oder zumindest seine Folgen zu lindern.

1927: Werbeplakat für Nivea Creme als Sonnencreme. Bildquelle: Beiersdorf AG, Hamburg

Emil Peters, ein Verfechter des Sonnenbadens, schlug 1913 die Anwendung einer Masse aus Olivenöl und Eiweisswasser als Sonnenschutzmittel vor. In den 1920er Jahren gelangten die ersten Sonnencremes mit grossartigen Versprechungen auf den Markt. Gar die 1911 entwickelte Nivea-Creme wurde in ihrer bisherigen Rezeptur 1927 einfach als Sonnencreme gegen Sonnenbrand angepriesen. Manche Sonnenanbeter setzten auf einen Zellophan-Umhang, der schützen und trotzdem bräunen sollte. Viele Amerikaner rieben sich zum selben Zweck mit Bananenöl ein. Klar war: fetthaltige Cremes liessen zwar eine Bräunung zu, boten aber keinen Schutz vor Sonnenbrand; pigmenthaltige Mittel wiederum schützten zwar, verhinderten aber eine schnelle Bräunung.

1930er Jahre: Werbeplakat von Nivea in Grossbritannien. Bildquelle: Beiersdorf AG, Hamburg

Schutz und Bräunung zugleich
Zum Glück entwickelte 1933 der Physiker und Alpinist Erich Merkel zusammen mit dem Chemiker Christian Wiegand die Novantiolsäure. Sie filterte einen Teil der UV-Strahlung heraus und schützte so vor Sonnenbrand. Gleichzeitig liess der Filter einen Teil derSonnenstrahlung auf die Haut , so dass diese trotz Sonnenschutz braun wurde. Merkel testete sein Produkt selbst mit Erfolg bei Wanderungen auf den Corvatsch und die Jungfrau. 1934 kam die Novantiolsäure in Form der Delial-Lichtschutzsalbe auf den Markt und wurde intensiv beworben. Endlich, so die Botschaft, war tiefe Bräune ohne Sonnenbrand möglich! Dasselbe versprach auch die fast zeitgleich eingeführte Ambre Solaire. Seither wurden unter den verschiedensten Markennamen hunderte von weiteren Sonnenschutz-Produkten mit neuen Zusammensetzungen auf den Markt gebracht.

Die besseren Schutzmöglichkeiten und das Freizeitverhalten im Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg führten den Kult des Sonnenbadens in neue Dimensionen. Mit Automobil und Flugzeug reiste man an exotische Strände. Die Tiefenbräune, die man zurückbrachte, war Souvenir und Statussymbol zugleich. Wer nicht reisen konnte, holte sich den «gesunden» Teint im Solarium. Die tiefe Sonnenbräune als Statussymbol erlebte ihren Höhepunkt in den 1970er und 1980er Jahren.

Folgen des Sonnenkults
Die Langzeitfolgen des überbordenden Sonnenkults machten sich spätestens seit den 1980er Jahren bemerkbar: Die Inzidenz der verschiedenen Hautkrebs-Formen nahm in den Industrieländern markant zu. In der 90ern machte das Ozonloch über der südlichen Hemisphäre zusätzlich hellhörig. Seither ist der Schutz der Haut vor übermässiger UV-Strahlung eines der wichtigsten Anliegen der Krebs-
Prävention.

Noch schätzen die meisten das so wohltuende Sonnenbaden. Das Sonnenlicht bringt ein Gefühl von Freizeit und guter Laune und unterstützt wichtige Körperfunktionen. Doch wir bekleiden uns wieder mehr, wagen uns im Sommer nur eingecremt mit hohen UV-Schutzfaktoren aus dem Haus und Apps unterstützen uns beim Sonnenbaden. Wird gar die Blässe als Mode der Neuzeit zurückkehren? Vorerst freuen wir uns am Frühling und strecken, selbstverständlich vorsichtig und gut geschützt, die Nase in die Sonne.

Tanya Karrer

Bibliografie

  • Fischer-Dückelmann, Anna. Die Frau als Hausärztin. Süddeutsches Verlagsinstitut. 1911.
  • Tavernath, Simone. So wundervoll sonnengebräunt. Jonas. 2000.
  • Urbach, Frederick: "The historical aspects of sunscreens.” Journal of Photochemistry and Photobiology. 64/2 – 3 (2001): 99 – 104.
  • Wildt, Dieter. Sonnenkult. ECON. 1987.

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