Das Knie - Fotoinstallation von 1983. © Fotomuseum Winterthur

Der Berner Kunstfotograf Balthasar Burkhard hat seine Sujets nicht abgebildet, sondern auf Leinwänden, grossformatigen Tableaus und Silbergelatine-Abzügen inszeniert. Das Fotomuseum Winterthur und die Fotostiftung Schweiz präsentieren zurzeit eine umfangreiche Retrospektive über sein 50-jähriges Schaffen. Die Ausstellung beeindruckt: Alltagsgegenstände, Körperteile, Landschaften und Tiere lenken den Blick in den Ruheraum der Ästhetik und des Minimalismus.

Wie Baumstämme reihen sich Knie, Ober- und Unterschenkel den Museumswänden entlang und entwerfen eine monumentale Landschaft, die an eine Baumallee erinnert. Dabei präsentiert sich das Kniegelenk von allen Seiten. Geht man näher heran, erkennt man oberhalb der Kniescheibe die filigranen Runsen einer Narbe. Sucht man Distanz, wird das Motiv des Kniegelenkes zur skulpturalen Installation und die Beinhaare wirken wie Moos. Und gleich gegenüber wird ein vier Meter langer, ausgestreckter Arm zu einem Ast. Mit diesen grossformatigen Tableaus gelang es Burkhard in den 80er Jahren, die Fotografie von ihrer abbildenden Funktion zu lösen. Er reduzierte seine Bilder bereits 1970 inhaltlich auf das Minimum – auf einen Kehrichtsack auf Baumwolltüchern oder ein auseinander gefaltetes Papier auf einem Holzboden: «Ich wollte alles weglassen, was mich betraf, damit übrigbleibt, was mich wirklich betrifft: Ich gewann Distanz zu mir und meiner Arbeit.» Interessanterweise überträgt sich dieses Motto auch auf den Betrachter, denn die Fotografien von Burkhard entwickeln gerade durch ihre minimalistischen Darstellungsformen eine grosse Anziehungskraft. Nichts lenkt ab, nichts stört und so kann sich die Fantasie frei entfalten. Dabei wechselt Burkhard laufend seinen Blickwinkel: Eine Frontalaufnahme eines Männergesichtes, das mit Muttermalen übersät ist, hängt nicht weit von Wolkenformationen, Sanddünen oder Schneelandschaften, die aus der Vogelperspektive aufgenommen wurden.

Tierfotografien fur das Kinderbuch Klick sagte die Kamera 1997. © Fotomuseum Winterthur

Burkhard machte seine Lehre beim bekannten Fotografen Kurt Blum. Er war bereits früh künstlerisch tätig und verkehrte in den 60er und 70er Jahren in der Schweizer Künstler Szene. Eine ganze Museumswand ist dieser Zeit gewidmet, denn Burkhard hielt insbesondere die Berner Bohème regelmässig mit seiner Kleinbildkamera fest. In dieser Zeit dokumentierte er auch die kontroversen Ausstellungen der neuen Konzeptkunst in der Berner Kunsthalle, welche ihn wohl nachhaltig beeinflussten. So spielte für ihn die Raumgestaltung beim Fotografieren eine zentrale Rolle. Es erstaunt daher nicht, dass er sich auch als Architekturfotograf einen Namen machte; in der Ausstellung ist sein fotografischer Essay über die Ricola-Werke von Herzog & De Meuron zu sehen.

Selbstbildnis1977 als grossformatige Leinwand. © Fotomuseum Winterthur

Balthasar Burkhard war vielseitig und hat sich immer wieder neu erfunden. Er versuchte sich als Schauspieler im Film «Eiskalte Vögel» oder dozierte als Lehrbeauftragter für Fotografie an der Universität von Illinois. Grosse Bekanntheit erlangte er 1997 mit seinen Tierfotografien im kartonierten Kinderbuch «Klick», sagte die Kamera. von Markus Jakob – zur Freude aller Fans sind einige der Tiere in der Ausstellung präsent. So unterschiedlich die Arbeiten und Aufträge Burkhards auch waren, sie überzeugen alle durch eine elegante, kühle Ästhetik. 2010 ist Balthasar Burkhard gestorben. In der Ausstellung kann man jedoch seinen attraktiven Selbstportraits begegnen, die er von Polaroids und Diapositiven auf grosse Leinwände druckte. Eindringlich und streng blicken seine dunklen Augen auf die Besucher. Ob er geahnt hat, dass er einst als Ikone der Kunstfotografie in die Schweizer Kulturgeschichte eingehen würde?

Das Fotomuseum Winterthur und die Fotostifung Schweiz zeigen noch bis zum 21. Mai 2018 die Retrospektive über Balthasar Burkhard (1944-2010).
SRF Video über die Ausstellung Balthasar Burkhard.

Bildquellen: © Fotomuseum Winterthur

von Dominique Götz

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