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2010 – nur ein paar Tage vor Weihnachten – operierte der Kinderchirurg Prof. Dr. med. Martin Meuli und sein Team am Kinderspital Zürich den ersten Föten mit Spina bifida. Die Erfahrungswerte der letzten sieben Jahre haben eindeutig gezeigt, dass die fötale Operation Langzeitschäden verringern oder sogar vermeiden kann, und dadurch Kinder aktiver am Leben teilhaben können.

Für Eltern, die ein Kind erwarten, ist die Diagnose «Spina bifida» ein grosser Schock. Bis dahin hatten Schweizer Eltern eines Fötus mit Spina bifida nur die Option, das Kind auszutragen oder die Schwangerschaft abzubrechen. Heute liegt die grosse Hoffnung auf der frühen fötalen Operation. Die Erfahrungswerte der Zürcher Kinderchirurgen und die neusten MOMS- Studienergebnisse aus den USA belegen, dass die Spätfolgen der Spina bifida mit der fötalen Operation bis zu mehr als einem Drittel verringert oder sogar vermieden werden können. Meuli erklärt: «Wir sehen eine deutlich erhöhte Gehfähigkeit, das Wasserkopf-Vorkommen ist deutlich tiefer, die geistige Entwicklung besser. Insbesondere ist auch die Blasenfunktion der Kinder wesentlich besser.» Das heisst konkret: Mehr Kinder können ohne Rollstuhl, Shunt oder Blasenkatheter leben im Vergleich mit den Kindern, die erst nach der Geburt am offenen Rücken operiert wurden. Die besten Resultate werden erzielt, wenn der offene Rücken des Fötus zwischen der 23. bis 26. Schwangerschaftswoche in einer rund zweistündigen Operation zugenäht wird. In der Schweiz wird diese anspruchsvolle Operation am Kinderspital Zürich unter der Leitung von Prof. Martin Meuli zusammen mit einem 11-köpfigen, interdisziplinären Team durchgeführt. Die fötale Operation birgt jedoch grosse Risiken, wie beispielsweise die Gefahr einer Frühgeburt oder einer Plazentaablösung. Laut Meuli kann die Standartqualität dieser hochkomplexen Operation nur gewährleistet werden, wenn die behandelnden Ärzte «ein erfahrenes und eingeschworenes Expertenteam sind.» Von der endoskopischen intrauterinen Operationsmethode, wie sie insbesondere in Deutschland durchgeführt wird, rät Meuli dringend ab, da diese wissenschaftlich nicht fundiert sei und oft zu Frühgeburten führe.

Fötale Operation als Heilmittel für alle?

«Mami, Gebärmutter und Baby müssen für die Operation qualifizieren», betont Meuli. Leider können nicht alle Fälle von Spina bifida operiert werden; es gibt eine grosse Anzahl an Ausschlusskriterien. Oft sind die Schäden an der Wirbelsäule des Fötus zu schwerwiegend. Ausschlaggebend für eine Operation ist die Gesundheit der Mutter und deren Gebärmutter. Die Mutter muss volljährig und darf nicht zu adipös sein, und sie sollte in stabilen psychosozialen Verhältnissen leben. Zwischen der 19. und 26. Schwangerschaftswoche wird darum im Zentrum für Fötale Diagnostik und Therapie eine breite Abklärung durchgeführt: Von den 200 Spina bifida Fällen, die am Universitätsspital Zürich abgeklärt wurden, konnten nur gerade 69 operiert werden. Wichtig ist, dass die Mutter belastbar ist, denn sie wird zweimal per Kaiserschnitt operiert. Nach der ersten, intrauterinen Operation muss sie ca. eine Woche auf der Intensivstation überwacht werden. Nach der zweiten Operation, der Geburt, wird das Neugeborene entweder auf die Frühgeborenen-Station oder, wenn es stabil ist, ins Kinderspital verlegt. Die Koordination und intensive Zusammenarbeit der verschiedenen Kliniken ist eine grosse Herausforderung. Entsprechend hoch sind denn auch die Kosten: Die beiden Operationen plus Spitalaufenthalt und Nachbetreuung belaufen sich für Mutter und Kind auf rund 70’000 bis 150’000 Franken. Sie werden jedoch mittlerweile mehrheitlich von den Krankenkassen übernommen, oder in Härtefällen auch von Spendengeldern mitfinanziert. Der Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich, Thomas Heiniger, meint dazu: «Wenn die Kinder eine bessere Entwicklung durchlaufen und ein normales Leben führen und später in den Arbeitsprozess integriert werden können, sparen wir viel Geld.» Die Verbesserung der Lebensqualität von Kindern mit Spina bifida und deren Familien kann jedoch nicht mit Geld aufgewogen werden. Meuli betont: «Diese Operation bringt keine vollständige Heilung, wohl aber gute Chancen auf eine wesentliche Verbesserung der Lebenssituation. Sie ist ein Leuchtturm.»

Fötale Chirurgie und pränatele Beratung: http://www.kispi.uzh.ch/de/patienten-und-angehoerige/fachbereiche/foetalechirurgie/Seiten/default.aspx

von Dominique Götz

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