Regina Scharf im Gespräch mit... Prof. Dr. med. Thomas Lüscher

Einundzwanzig Jahre hat Prof. Dr. med. Thomas F. Lüscher die Klinik für Kardiologie am Universitätsspital Zürich geführt. Mit seinem frühzeitigen Rücktritt schlägt er dem hiesigen Emeritierungsprozedere ein Schnippchen und zieht von der Limmatstadt nach London an die Themse. Im Interview erzählt er von der Entwicklung der Kardiologie der letzten Jahrzehnte, den Höhen und Tiefen in seiner Zeit als Direktor am USZ und wie es zu seinem vorzeitigen Rücktritt kam.

PraxisDepesche (PD): Prof. Lüscher, die Ankündigung, dass Sie das Universitäre Herzzentrum diesen Herbst verlassen, um einem Ruf nach London zu folgen, hat uns überrascht. Wie wird Ihre zukünftige Tätigkeit als Direktor für Kardiologie am Royal Brompton & Harefield Hospital aussehen?
Prof. Dr. med. Thomas Lüscher (TL): Ich werde dort als allgemeiner und interventioneller Kardiologe arbeiten. Daneben bin ich als Director of Research, Education & Development beauftragt, die Forschung zu reorganisieren und Ausbildungsprogramme zu organisieren. Meine Forschungstätigkeit am Center for Molecular Cardiology der Universität Zürich in Schlieren werde ich mit einem Teilzeitpensum weiterführen und die beiden neuen Kliniken wenn möglich involvieren.

PD: Wie kam es zu dem Ruf nach London?
TL: Ein Headhunter hat mich angefragt. Das Angebot kam zu einem guten Zeitpunkt, als ich mir überlegt habe, wie es beruflich weitergehen soll. Ich hatte zunächst am USZ einen offiziellen Antrag auf Verlängerung meiner Tätigkeit gestellt. Aus meiner Sicht mit guter Begründung: Die Klinik ist seit meiner Übernahme um das Fünffache gewachsen und hat enorm viel Gewinn gemacht. Der Spitalrat hat den Antrag abgelehnt. Ich habe mich deshalb entschlossen, das Angebot aus London zu verfolgen und schliesslich die Stelle angenommen.

PD: Wie hat Ihre Familie auf den Ruf nach London reagiert?
TL: Meine Kinder finden das natürlich toll. Ich habe eine Wohnung in South Kensington, mit genügend Zimmern, damit sie zu Besuch kommen können. Meine Frau ist nicht so begeistert von London, aber das kann ja noch werden. Am Freitag und an den Wochenenden werde ich zudem oft in Zürich sein.

PD: In einem Interview mit Prof. Magnus Ohman (medscape) haben Sie gesagt «We have to make sure that we find fullfilling professional activities at each decade of our life». Nächstes Jahr wären Sie eigentlich emeritiert. Haben Sie nie daran gedacht, der Medizin den Rücken zu kehren?
TL: Nein, und ich halte diese kontinentaleuropäische, sozialdemokratisch geprägte Regelung, mit 65 Jahren aus dem Arbeitsleben auszuscheiden, für völlig veraltet. Diese wurde vor mehr als 100 Jahren eingeführt. Seitdem hat sich die Lebenserwartung der Menschen beinahe verdoppelt, trotzdem reden wir immer noch vom gleichen. Natürlich gibt es Leute, die mit 65 Jahren aufhören wollen zu arbeiten und das sollen sie auch, wenn sie erschöpft sind. Aber die Idee, dass jemand, der seine Tätigkeit als Berufung und nicht als Job wahrnimmt, einfach aufhören soll, weil er ein gewisses Alter erreicht hat, finde ich diskriminierend. Aus meiner Sicht ist nicht das Alter, sondern die Leistung entscheidend. Im angelsächsischen Raum sorgt diese starre Regelung nur für Kopfschütteln. In England hat mich keiner gefragt, wie alt ich bin.

PD: Sie haben die kardiologische Klinik vor 21 Jahren übernommen. Welches waren Ihre Ziele oder auch Visionen bei Stellenantritt, und haben Sie diese erreicht?
TL: Ich habe relativ früh realisiert, dass die Zeit vorbei ist, wo man alles machen kann oder will. Das war auch der Grund, mich nicht als Direktor für das Department Innere Medizin, sondern für die Kardiologie zu bewerben. Aus meiner Zeit am Universitätsspital Bern, wo ich zusammen mit Prof. Bernhard Meier die Kardiologie umgebaut habe, hatte ich schon einige Erfahrungen und Vorstellungen. Die ersten drei Jahre am Universitätsspital waren ganz schwierig. Zusammen mit den Mitarbeitern, die aus Bern mitgekommen waren, ist es aber gelungen, zunächst die Kardiologie und später das gesamte Department Medizin umzubauen. Anschliessend haben wir die einzelnen Bereiche wie Koronare Herzerkrankungen, Rhythmusstörungen, kardiales Imaging etc. ausgebaut. Mit der Gründung des Herzzentrums ist schliesslich zusammengewachsen, was zusammen gehört.

PD: Vergleicht man das Personal in der Forschung mit jenem der kardiologischen Klinik, fällt auf, dass in der Forschung viel mehr Frauen arbeiten. Zudem findet man fast keine Frauen in leitenden Positionen. Wie kommt das?
TL: Es ist interessant, dass so viele Frauen in der Forschung engagiert sind. Ich habe das nicht erwartet. Für mich spielt keine Rolle, ob Frau oder Mann, gut müssen sie sein. In der Forschung hat sich das einfach so ergeben. In der Klinik waren Fachgebiete wie die Kardiologie oder die Orthopädie traditionell von Männern dominiert. Bei den Assistenten sieht man aber, dass sich das langsam zu ändern beginnt. Für eine Frau, die noch Familie haben möchte, ist es natürlich einfacher, in der Forschung Karriere zu machen. Mit den Anforderungen in der Klinik – wie den Notfalldiensten – ist es schon schwieriger. Wer eine internationale Karriere anstrebt, muss mit einer Arbeitszeit von 70 Stunden pro Woche rechnen. Das ist für eine Frau mit Kindern nur mit grosser Anstrengung oder einem Hausmann machbar.

PD: Früher war es üblich, dass die Klinikdirektoren Einfluss auf die Ausbildungsrichtung ihrer Assistenten genommen haben und versucht haben, die Leute anschliessend gut zu platzieren. Wie haben Sie das gehandhabt?
TL: Fast alle meine leitenden Ärzte waren im Rahmen ihrer Ausbildung entweder an einem grossen Zentrum in Deutschland, England oder den USA. Ich habe sie immer eingehend beraten, wo sie nach meinem Gefühl hingehören oder für welchen Bereich wir in Zukunft jemanden benötigen werden. Wir haben damit nicht nur die Klinik ausgebaut, sondern weltweit mehr als ein Dutzend Lehrstühle mit unseren Leuten besetzt, darunter am Karolinska Institut in Schweden und der Charité in Berlin, und noch einmal so viele Chefarzt- und leitende Arztstellen in der Schweiz. Es hat mir Spass gemacht, die Mitarbeiter zu motivieren und zu fördern, und ich habe es für wichtig empfunden, dass aus ihnen etwas wird.

PD: Sie haben gesagt, es hat einige Tiefschläge gegeben. Dazu gehörte sicher auch der Weggang mehrerer Kaderärzte an die Hirslandenklinik (2013), darunter Ihr Stellvertreter Prof. Georg Noll ...
TL: Das war natürlich eine schwierige Situation. Die Hirslandengruppe hat die Mitarbeiter bewusst abgeworben, um damit ein Gegengewicht zum bestehenden Herzzentrum zu schaffen. Und wie das eben so ist: Für die einen stellt sich irgendwann die Frage nach einem Stellenwechsel, weil sie realisieren, dass die Pyramide nach oben immer enger wird. Dann ist ein solches Angebot verlockend. Andere haben irgendwann genug von der Arbeit in einem Akutspital und wieder andere wollen auch mehr Geld verdienen. Obwohl unsere Saläre nicht schlecht sind, verdient man in den Privatkliniken fast das Doppelte. Auf der anderen Seite gibt es durch solche Situationen wieder Luft für die nächste Generation. Wir konnten das Problem innerhalb kürzester Zeit erfolgreich und zur Zufriedenheit des ganzen Teams lösen.

PD: Welches waren die wichtigsten diagnostischen und therapeutischen Fortschritte, die Sie in Ihrer Zeit als Klinikdirektor erlebt haben?
TL: Die Kardiologie hat sich von einem diagnostischen zu einem therapeutisch-chirurgischen Fach gewandelt. Kürzlich habe ich in einem Editorial des European Heart Journal die Entwicklung der Herzinfarkt-Behandlung seit Mitte der 1950er Jahre beschrieben. Damals gab es keine Behandlungsmöglichkeiten, keine Medikamente mit Ausnahme von Morphium, keine Koronarangiografie, keine Defibrillation; entsprechend ist etwa die Hälfte der Patienten an den Folgen eines Myokardinfarkts verstorben. Die Entwicklungen der interventionellen Kardiologie haben dazu geführt, dass die Sterblichkeit an unserem Zentrum heute unter 7 % liegt – das ist phänomenal. Die rasche Behandlung führt sogar dazu, dass die Häufigkeit der Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF) nach einem Myokardinfarkt deutlich abnimmt.

PD: Verändert hat sich auch die Ausbildung. Die Spezialisierung nimmt immer weiter zu, nur das Medizinstudium selbst ist gleich geblieben. Was würden Sie ändern?
TL: Die Spezialisierung, die ich damals in der Inneren Medizin erlebt habe, sehen wir nun in der Kardiologie. In Zukunft wird man als Kardiologe ein Grundstudium absolvieren und sich anschliessend in einem Teilbereich, wie der interventionellen Kardiologie oder Rhythmologie, spezialisieren und im Unterschied zu heute auch zertifizieren. Ich bin mir aber nicht sicher, inwieweit schon während des Studiums eine Ausrichtung auf ein Fachgebiet stattfinden sollte.

PD: Die Jahresberichte der letzten zehn Jahre – insbesondere die Behandlungszahlen aus dem Jahr 2016 – zeigen, dass Sie Ihrem Nachfolger eine gut funktionierende Klinik übergeben. Welches sind die zukünftigen Herausforderungen, um den Erfolg der Klinik zu sichern?
TL: Ein Wechsel bedeutet immer auch Unruhe, deshalb wird es zunächst einmal wichtig sein, die Situation zu stabilisieren, wenn ein neues Team die Klinik übernimmt. Dann muss man beachten, dass die Konkurrenz in der Schweiz mit zahllosen Herzzentren – darunter allein sechs im Kanton Zürich – enorm gross ist. Damit die Klinik auch in Zukunft erfolgreich sein kann, muss es weiterhin gelingen, gute Leute aus aller Welt anzuziehen, die lokal akzeptiert werden. Das funktioniert nur, wenn man motivierte Mitarbeiter hat, die bereit sind, sich über die normalen Anforderungen hinaus zu engagieren. Das aktuelle Arbeitsgesetz halte ich in diesem Zusammenhang für eine Katastrophe. Mit einer 50-Stundenwoche kann man nicht gleichzeitig einen guten Service bieten und international konkurrenzfähig sein. Ich hoffe daher sehr, dass sich die hiesige Kultur nicht weiter in diese Richtung entwickelt.

PD: Einer Berufung folgt meistens nicht nur eine einzelne Person, sondern oft auch der ein oder andere Mitarbeitende. Wen nehmen Sie mit?
TL: Zunächst einmal muss ich mich am neuen Ort organisieren. Anschliessend werde ich für den Aufbau des neuen Teams sicher mit dem einen oder anderen Mitarbeiter der Klinik das Gespräch suchen. Bereits jetzt werde ich einen Australier, der sich in Zürich beworben hat, nach London mitnehmen. Die neuen Ufer, die mich in London erwarten, sind eine Herausforderung, aber auch ein motivierender Horizont.

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