Prof. Dr. med. Hans Rickli, Chefarzt für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen.

Regina Scharf im Gespräch mit… Prof. Dr. med. Hans Rickli

Mit der Unterstützung von Spitälern aus allen Landesteilen und dem finanziellen Support der Industrie, sind im AMIS Plus Register die Daten von 55 000 Patienten mit einem akuten Koronarsyndrom erfasst worden. In diesem Jahr feiert das Register sein 20-jähriges Jubiläum. Zeit für einen Rückblick und einen Ausblick mit dem neuen Präsidenten, Prof. Dr. med. Hans Rickli, Chefarzt für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen.

PraxisDepesche (PD): Herr Prof. Rickli, Sie sind seit Anfang 2017 Präsident des AMIS Plus Registers – wofür benötigt die Schweiz überhaupt ein solches Register?
Prof. Dr. med. Hans Rickli (HR): Das AMIS Plus Register ist eine einzigartige Datenquelle, die aufzeigt, wie sich in den letzten 20 Jahren die diagnostischen und therapeutischen Massnahmen verändert haben. Anhand des Registers lässt sich überprüfen, inwieweit neue Richtlinien im klinischen Alltag umgesetzt wurden und ob sich die Ergebnisse randomisierter Studien auf eine breite Population übertragen lassen. Zudem lassen sich verschiedenste epidemiologische und gesundheitsökonomische Fragen im Zusammenhang mit dem akuten Koronarsyndrom (ACS) beantworten. Die fortlaufenden Assessments bei den partizipierenden Spitälern und das Benchmarking machen das Register darüber hinaus in der Qualitätsverbesserung zu einem wertvollen Instrument. Alles in allem zeigt das AMIS Plus Register, welche beachtlichen Fortschritte in der ACS-Behandlung während der letzten 20 Jahre in der Schweiz erzielt wurden.

PD: Wo steht die Behandlung des ACS in der Schweiz?
HR: Die Schweiz steht verglichen mit anderen europäischen Ländern sehr gut da. Eine Studie zum Vergleich der Reperfusionstherapie bei Patienten mit einem ST-Hebungsinfarkt (STEMI) in 37 Ländern hat gezeigt, dass die Schweiz bei der Implementierung der empfohlener Behandlungen ganz oben steht.1 Die Spitalmortalität bei Patienten mit STEMI gehört weltweit zu den tiefsten überhaupt.

PD: Wo besteht aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf in der Versorgung von Patienten mit einem ACS?
HR: Das Hauptproblem bleibt immer noch die zeitliche Verzögerung bis zur adäquaten Behandlung. Je früher mit dieser Behandlung begonnen werden kann, desto besser sind die Überlebenschancen der Betroffenen. Die Zeit vom Spitaleintritt bis zur Reperfusionsbehandlung, die so genannte Door-to-Balloon-Time, konnte in den letzten 20 Jahren deutlich verkürzt werden. Hingegen ist die Zeit, welche verstreicht, bis der Patient den Rettungsdienst oder Arzt kontaktiert, trotz verschiedenster Bemühungen, wie beispielsweise der «HELP-Lebensrettungsausbildung» der Schweizerischen Herzstiftung, fast unverändert geblieben. Eine der zukünftigen Herausforderungen ist es, die Versorgung vor dem Spitaleintritt zu verbessern, so dass keine lebenswichtige Zeit verloren geht.

PD: Es gibt viele Daten zur Therapie des ACS. Wie aber hat sich die Inzidenz in den letzten Jahren verändert?
HR: Über die Inzidenz des ACS haben wir keine vollständigen Daten. Gemäss Bundesamt für Statistik sind die Hospitalisierungen aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen seit 2002 um 20 % angestiegen. Die primären Gründe dafür sind das Wachstum und die Alterung der Bevölkerung. Im selben Zeitraum ist die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle um 12 % gesunken. Diese administrativen Daten sollten allerdings mit Vorsicht interpretiert werden, weil sich die Definition des Herzinfarktes in den letzten zehn Jahren dreimal geändert hat und die Codierungen in den Spitälern ebenfalls verschiedenen Anpassungen unterlagen.

PD: Das Register wird zukünftig von der AMIS Foundation geführt. Warum wurde diese Stiftung gegründet und welche Änderungen sind damit für das Register verbunden?
HR: Die juristische Form einer Stiftung ermöglicht uns, die notwendige Finanzierung besser und transparenter zu organisieren. Für das Register ändert sich dadurch kaum etwas.

PD: Welche Ziele verfolgen Sie als Präsident der neu gegründeten AMIS Foundation?
HR: Mein Ziel ist es, dieses einmalige Register im Gesundheitswesen der Schweiz zu erhalten und weiter zu entwickeln, um die Behandlungsmethoden bei Patienten mit Herzinfarkt zu optimieren.

PD: Die Finanzierung des AMIS Plus Registers war stets ein grosses Thema und konnte nur mithilfe der Industrie sichergestellt werden. Wie stellen Sie sich die zukünftige Finanzierung vor?
HR: Das AMIS Plus Register muss auch weiterhin unabhängig bleiben. Da die Finanzierung von der Industrie unter diesen Umständen immer schwieriger wird, streben wir eine Unterstützung der öffentlichen Hand, inklusive des Bundesamts für Gesundheit (BAG), an. Das BAG hat ein grosses Interesse an den AMIS Plus Daten und ist daran, eine Strategie zu entwickeln, um die Morbidität und frühzeitige Mortalität infolge kardiovaskulärer Erkrankungen zu vermeiden.

PD: Neben AMIS Plus existiert das SPUM-Register mit ähnlichen Einschlusskriterien. Ist es für ein so kleines Land wie die Schweiz sinnvoll, zwei Herzinfarkt-Register zu führen?
HR: Die Daten des Sonderprogramm Universitäre Medizin (SPUM) und des AMIS Plus Registers sind komplementär. Das SPUM ist ein ausgezeichnetes Projekt der vier Schweizer Universitäten Zürich, Bern, Lausanne und Genf. Es handelt sich dabei um ein Spezialprogramm im Bereich der klinischen Herz- und Kreislaufforschung, das vom Schweizerischen Nationalfond finanziert wird und unter anderem mittels einer grossen Biobank Fragen zur Entstehung des akuten Koronarsyndroms beantworten soll. Das AMIS Plus Register bekommt dagegen die Patientendaten von Spitälern unterschiedlichster Grösse und Ausrüstung, also vom Universitätsspital bis hin zum Regionalspital. Dabei werden auch Patienten eingeschlossen, die erst während des Spitalaufenthalts einen Herzinfarkt erleiden oder die anstelle einer Reperfusionstherapie palliativ behandelt werden. Wir zeigen sozusagen ein gesamtes Bild über die ACS-Behandlung und die Behandlungsergebnisse in der Schweiz; und zwar wöchentlich aktualisiert. Die partizipierenden Spitäler haben die Möglichkeit, sich mit allen anderen zu vergleichen. Sie können dadurch «von den Besten lernen, um besser zu werden».

Bibliografie:
1 Kristensen SD, et al.: Reperfusion therapy for ST elevation acute myocardial infarction 2010/2011: current status in 37 ESC countries. Eur Heart J 2014; 35 (29): 1957–1970.

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